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Mythen zum Thema Wärmedämmung


Kurz gefasst beruhen die Mythen zur Wärmedämmung auf einem unzureichenden Verständnis der dazu gehörigen, seit Jahrhunderten sehr gut verstandenen Physik. Die Bauphysik hat hierüber Klarheit gebracht - und das ist eigentlich alles auch recht gut verständlich, wenn erst einmal grundsätzlich falsche Vorstellungen überwunden werden. Übrigens: Alles, was wir hier ausführen, entspricht dem neuesten, unter Fachleuten allgemein anerkannten Stand der Wissenschaft; die sich diesbezüglich auch in den letzten 50 Jahren nicht grundlegend verändert hat1). Das meiste davon ist in einschlägiger internationaler Normung niedergelegt; so, wie wir es hier beschreiben.

Mythos 1: "Wärmedämmen bedeutet, alles muss dicht gemacht werden"

Das beruht auf der (falschen) Vorstellung, dass die Wärme durch die Außenbauteile irgendwie von warmer Luft getragen nach außen gebracht wird und dass die „Wärmedämmung“ demgegenüber die Bauteile „so richtig dicht“ machen muss.

Richtig ist: Der weit überwiegende Teil der Wärme wird nicht von Luftströmen nach außen transportiert, sondern durch Wärmeleitung. Bei der Wärmeleitung wird die Wärmebewegung von einem Molekül zum nächsten weitergereicht (sozusagen durch „anschubsen“); dabei fließt keinerlei Material - es ist nur der heftige Bewegungszustand der mikroskopischen Wärmevibration, der weitergereicht und am Ende an der Außenseite an die Umgebungsluft abgegeben wird. Es ist sehr wichtig, das richtig zu verstehen, weil es hilft verschiedenste Fehler zu vermeiden:

  • Fehlermöglichkeit 1: „Alles Abdichten“, z.B. durch Fugendichtmasse etc. - „bringt“ bei herkömmlichen Außenbauteilen im Altbau in aller Regel gar nicht viel (außer dass der Luftaustausch2) verringert wird). Der weit überwiegende Teil der Wärme wird weiter durch z.B. sehr gut wärmeleitenden Wände nach außen geführt.
  • Fehlermöglichkeit 2: Wird so eine Abdichtung ohne Sachverstand auch noch an der falschen Stelle ausgeführt, so können sogar Schäden am Bauteil entstehen. Ein Beispiel dafür sind „dichte Farben“, die in guter Absicht oftmals auf Außenputz aufgetragen wurden - und dann regelmäßig zu Durchfeuchtung führen und abblättern. Merke: Dampfdichte Lagen NIEMALS auf der kalten Seite (Außenseite).

Richtig ist, dass

  • Wärmedämmstoffe solche Materialien sind, die die Wärmebewegung nur stark verringert weiterleiten. In der Regel machen sie das, weil sie vor allem aus Luft bestehen; Luft, die sozusagen „verpackt“ ist. Sie stellen der Wärme einen Widerstand entgegen: Und dazu müssen sie noch nicht einmal perfekt dicht sein. Die meisten Dämmstoffe sind sogar weniger luftdicht3) als herkömmliche Baumaterialien wie Steine, Beton oder Holz.
  • Bei Materialien wie Baumwolle, Schafwolle, Stroh, Zelluloseflocken, Hanfmatten, Mineralwolle,… ist das sofort offensichtlich. Diese Materialien sind allerdings in der Regel tatsächlich „zu undicht“ um für sich allein volle Wärmedämmwirkung zu entfalten - wenn da der Wind durchbläst, kommt es in diesem Fall tatsächlich zu durch Luftströme transportierter Wärme. Diese Materialien wirken daher nur in Verbindung mit den anderen Komponenten eines Außenbauteils: Der Innenputz einer verputzten Wand ist beispielsweise ausreichend luftdicht, so dass im Zusammenwirken des vorhandenen Putzes und einer Dämmschicht eine insgesamt funktionierende Wirkung entsteht. Die Dämmung macht das Bauteil dabei überhaupt nicht dichter. Bei innenseitiger Dämmung müssen diese Punkte besonders berücksichtigt werden, siehe hier: Innendämmung - die muss tatsächlich raumseitig dicht sein!
  • Es gibt tatsächlich bei Gebäuden Bauteile, die nahezu perfekt dicht sind: Fensterscheiben z.B. oder Metallbleche. Dass diese wirklich „dicht“ sind 4) kann leicht daran gesehen werden, dass sich diese Materialien auch als Außenhüllflächen von U-Booten oder Raumschiffen eignen. Auch am Bau lassen sich solche Bauteile durchaus einsetzen, ohne dass es dadurch zu Problemen kommt (wie das Beispiel Verglasung zeigt; auch da kann das „besser“ und „schlechter“ gemacht werden, siehe Verglasung). Die genannten Materialien weisen sogar hohe Wärmeleitfähigkeiten auf - es sind alles andere als Wärmedämmstoffe. Außenbauteile, die solche Schichten enthalten, müssen daher die Wärmedämmung auf anderem Weg zusätzlich herstellen: Bei den Verglasungen erfolgt dies durch die Verglasungs-Zwischenräume, die mit wenig wärmeleitenden Gasen gefüllt sind.

Mythos 2: „Ein wärmegedämmtes Haus kann nicht mehr ,atmen‘.“

Das hängt natürlich mit der falschen Vorstellung aus Mythos 1 zusammen. Dass Wände atmen können oder müssen, ist eine irrige Vorstellung. Der Luftdurchtritt durch heute übliche Außenbauteile ist grundsätzlich extrem gering - außer, es liegen Risse und nicht geschlossene Fugen vor. Oft gibt es durch Diffusion einen gewissen, sehr langsamen und für die Energiebilanz völlig unbedeutenden Stoffaustausch. Den müssen wir für den Wärmeschutz gar nicht ändern; es sei denn, es gibt andere Gründe dafür.

Richtig ist: …dass z.B. durch die Bewohner im Haus erzeugte Feuchtigkeit wieder abgeführt werden muss. Wände und andere Bauteile tragen dazu aber fast nichts bei und die Wärmedämmung ändert daran nichts. Frischluft im Winter kann durch regelmäßiges Lüften ins Haus kommen. Noch besser geht das mit einer Lüftungsanlage. Für das Thema Feuchtigkeit haben wir in der Passipedia mehrere Fachinformationen: Feuchte Luft und Feuchteprobleme auch bei Innendämmung vermeiden.

Mythos 3: „Wärmedämmung verursacht Schimmel.“

Richtig ist: Bei sachgerechter Ausführung ist genau das Gegenteil der Fall: Mit Wärmedämmung werden die Innenoberflächen wärmer. Warme Oberflächen sind automatisch auch trockener. Auf trockenen Oberflächen kann kein Schimmel wachsen. Das gilt sowohl für Dämmung von außen als auch für richtig ausgeführte Innendämmung (da gibt es dann allerdings ein paar Punkte zu beachten: Innendämmung richtig ausführen).

Mythos 4: „Herstellungsenergie ist ein Problem“

Richtig ist: Es gibt eine Vielzahl verschiedener Dämmstoffe, die sich u.a. im Herstellungs-Energieaufwand unterscheiden5). Aber selbst synthetische Dämmstoffe wie das weitverbreitete EPS6) haben in der Regel schon im ersten Winter die zu ihrer Herstellung eingesetzte Energie wieder eingespart7). Hier gibt es weitere Informationen zum Thema Herstellungsenergie. Insbesondere bei einer nachträglichen Dämmung von Bauteilen in meist sehr schlecht gedämmten Altbauten ist die dabei eingesetzte Herstellungsenergie gegenüber der damit erzielten Einsparung vernachlässigbar; die Einsparung erfolgt Jahr für Jahr und bei korrekter Ausführung 'hält' die Wärmedämmung Jahrzehnte. Das gilt auch für die CO2-Bilanz.8)

Mythos 5: „Wärmedämmung ist nicht recyclingfähiger Müll.“

Die meisten Wärmedämmstoffe sind langlebig: 50 Jahre und mehr Nutzungsdauer sind regelmäßig erreichbar (Siehe z.B. [Feist 2020]). Derzeit gibt es daher nur geringe Mengen an Altdämmstoff. Für viele Dämmstoffe gibt es praktikabel demonstrierte Recyclingverfahren. Oft wird allerdings eines kaum beachtet: Dämmstoffe bestehen aus 95 bis 99% aus Luft, sie lassen sich daher auf einen kleinen Bruchteil ihres Volumens komprimieren (mindestens einen Faktor 20). Lose Dämmstoffe, wie zum Beispiel Zelluloseflocken, oder aufgelegte Platten können auch ganz direkt wieder eingesetzt werden. Das alles entbindet uns nicht von der Verpflichtung, die hier verwendeten Materialien ungiftig und auch nicht ökotoxisch zu produzieren; das ist bei Wärmedämmmaterialien ohne weiteres möglich - und bei Stoffen wie Stroh, Hanf, Zellulose, Glasschaum und Mineralwolle auch offensichtlich der Fall. Andere Dämmstoffe taten sich da schwerer: Dennoch ist heute jeder am Europäischen Markt zugelassene Dämmstoff human- und ökotoxikologisch unbedenklich.

Mythos 6: „Gedämmte Häuser haben ein ,Barackenklima‘."

Richtig ist: Ein 'Barackenklima' kann entstehen, wenn ein Gebäude nur wenig Wärme speichern kann und zudem einen unzureichenden Wärmeschutz hat. Bei Sonnerschein kann sich so ein Gebäude rasch aufheizen und schnell wird es dann später auch wieder kalt. Durch korrekt geplanten Wärmeschutz verbessert sich das Innenklima regelmäßig. Das ist leicht verständlich, weil die Speicherfähigkeit der Innenbauteile so viel besser genutzt werden kann. Es ist aber auch durch die Praxiserfahrung mit den gebauten Passivhäusern und EnerPHit-Sanierungen aus der Erfahrung belegt.

Mythos 7: „Wärmespeichern ist wichtiger als Wärmedämmen."

Richtig ist: Beides ist Teil der physikalischen Beschreibung von Wärmetransport-Vorgängen, nicht nur in Gebäuden, sondern in allen Gebieten von Natur und Technik. Die zugehörigen Vorgänge sind heute sehr gut verstanden und wir haben dazu in „Dämmen oder Speichern?“ eine leicht verständliche Darstellung. Das Ergebnis kurz gefasst: In Gebäuden in Europa geht der mit weiten Abstand wichtigste Einfluss auf den Energieverbrauch von der Wärmedämmung aus. Die Wärmespeicherung im Gebäude ist meist nicht schädlich - ihre positive Wirkung wird durch eine Verbesserung des Wärmeschutzes regelmäßig verstärkt.

Mythos 8: „Verbesserung der Wärmedämmung bringt nichts solange... (die Fenster noch schlecht sind)"

Richtig ist: Ein verbesserter Wärmeschutz an einem einzelnen Bauteil verringert die Wärmeverluste durch dieses Bauteil in guter Näherung immer um absolut gleich viel, ob es sich um einen Neubau oder ein Altbau handelt, die Einsparung hängt kaum vom Zustand der anderen Bauteile ab9).
Auch richtig ist: Möglicherweise sind die Verluste insgesamt in einem Altbau so hoch, dass z.B. 20 kWh/(m²a) absolute Einsparung für eine Maßnahme (z.B. eine gute Dachdämmung) nur 10% relativ zum Gesamtverbrauch ausmachen. Weil wir aber Schritt für Schritt, immer wenn sich die Gelegenheit ergibt, auch die anderen Bauteile verbessern, addieren sich die Einzelbeiträge (z.B. Dach 20 + Außenwände 65 + Fenster 25 + Kellerdecke 10 kWh/(m²a) und schon sind wir 60% unter dem Anfangswert). Regelmäßig ärgern sich Bauherren, dass sie anfängliche Maßnahmen nicht gut genug ausgeführt haben und die dann vermeidbar hohe Wärmeverluste behalten. „Wenn schon, denn schon“ ist daher immer die richtige Devise. Und die Qualität sollte sich an den Zielwerten für das Haus orientieren, nicht an den „immer noch schlechten“ alten Zuständen.

Quellennachweis

[Feist 2020] Wolfgang Feist; Rainer Pfluger; Wolfgang Hasper: „Durability of building fabric components and ventilation systems in passive houses“ Energy Efficiency 13(3) Dec. 2020 DOI: 10.1007/s12053-019-09781-3; (direct link to full-text-prublikation: Durability Passive House)

1)
Und, wie nahezu überall auf dieser Welt, gibt es auch Scharlatane, die obskure Phantasien verbreiten, die aber mit dem Stand der Erkenntnis nichts zu tun haben. Wir sehen davon ab, uns mit jeder solchen absurden Phantasie (z.B. „Flat-Earther“) auseinander zu setzen. Wenn eine Person an einem wirklichen Verständnis interessiert ist, dann findet sie die Zusammenhänge hier erklärt - und kann unsinnige Behauptungen leicht selbst erkennen.
2)
möglicherweise auch zu stark
3)
und auch weniger dampfdicht - Schaumglas ist die bedeutende Ausnahme, für dieses Material ist die absolute Luftdichtheit aber gewollt, es lässt sich so auch in stark feuchtebelasteten Anwendungsbereichen einsetzen
4)
die Fachleute sprechen da von vakuum-dicht
5)
Dabei sogar solche, die auf Basis nachwachsender Rohstoffe wie Holz und Stroh hergestellt werden und auf diesem Weg sogar Kohlenstoff binden.
6)
expandiertes Polystyrol, normalerweise „Styropor“ genannt
7)
Das ist hier dokumentiert: Primärenergieeinsparung schon ab dem 1. Jahr
8)
Es gibt allerdings Giftstoffe und Umweltgiftstoffe, die weder in Dämmstoffen noch in anderen Baustoffen enthalten sein sollten. Das ist (oft nach langen Diskussionen mit der betreffenden Lobby) inzwischen in Europa umfassend gesetzlich geregelt - und zwar sachgerecht. Z.B. dürfen weder FCKW noch HBCD eingesetzt werden (aus guten Gründen!).
9)
Wenn überhaupt, dann ist es sogar so, dass die Heizperiode im ansonsten schlechten Gebäude ein kleines Bisschen länger ist; dann wir sogar auch 'ein kleines Bisschen' mehr eigespart
baulich/mythen.txt · Zuletzt geändert: 2022/06/18 18:56 von wfeist